Storytelling & Narration
Erzählen ist eine vertraute Form von Kommunikation, die deshalb auf den ersten Blick besonders verständlich erscheint. Welche Funktionen erfüllen narrative Formen und Elemente tatsächlich und sind sie für Verständlichkeit in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit notwendig?
Erzählen mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Storytelling und anderen narrativen Kommunikationsformen wird ein großes Potenzial zugeschrieben: Geschichten sollen Wissen leichter vermitteln, Aufmerksamkeit erzeugen, emotional wirken und dadurch Einstellungen oder Verhalten beeinflussen. Da uns Erzählen als Kommunikationsmodus vertraut ist, erscheint es logisch, dass erzählende Texte besonders verständlich sind. Doch Storytelling ist kein Allheilmittel. Es verbessert Verständlichkeit nicht automatisch und eignet sich nicht für jeden Inhalt und jede Zielgruppe. Unter bestimmten Bedingungen können narrative Elemente Attraktivität und Verständlichkeit steigern, sie können aber auch zu Zielkonflikten führen – etwa dann, wenn Sachverhalte verkürzt, vereinfacht oder dramatisiert werden und dabei an Präzision oder Authentizität verlieren.
Der Einsatz narrativer Elemente sollte also bewusst und reflektiert erfolgen. Entscheidend ist nicht, dass ein Text narrativ ist, sondern welche Funktion das Storytelling im jeweiligen Kontext erfüllen soll. Die zentrale Frage lautet daher: Wann hilft Erzählen und wann ist eine sachlichere Informationsstruktur die angemessenere Wahl?
Definition: Was sind Narrationen?
Eine Narration ist eine Form der Kommunikation, die sich von beschreibenden oder argumentativen Darstellungen unterscheidet. Sie stellt ein Geschehen in Form einer Geschichte dar: mit Protagonist:innen, die in bestimmten Rollen an bestimmten Orten in einer erkennbaren zeitlichen Struktur handeln und erleben. Ereignisse werden dabei nicht nur aneinandergereiht, sondern kausal miteinander verknüpft. Narrationen können abstrakte Sachverhalte veranschaulichen, indem sie konkrete Personen, Anekdoten oder Episoden einbinden und so ein kohärentes „inneres Bild“ entstehen lassen. Sie entwerfen mögliche Welten und Perspektiven, durch die Inhalte nicht nur dargestellt, sondern auch gedeutet werden. Dem Storytelling wird deshalb oft zugeschrieben, dass es identitätsstiftend und gruppenbildend wirken und deshalb Verhalten steuern kann.
Beispiele
| analytisch-sachlich geprägt | narrativ geprägt | |
| Beispiel | Das Institut veröffentlicht heute die Ergebnisse einer Studie zu… | Vor drei Jahren begann am Institut ein Projekt, das heute… |
| Zweck/ Funktion | Der Einstieg mit einer Kernaussage mit Nachrichtenwert dient der Information und Einordung. | Der szenische Einstieg dient der Veranschaulichung und Gewinnung von Aufmerksamkeit. |
| Beispiel | Die Untersuchung wurde in drei Phasen durchgeführt. | Der Weg zum Ergebnis war von mehreren Rückschlägen geprägt. |
| Zweck/ Funktion | Die Forschungsprozesse werden im Kontext der Ergebnisse dargelegt. | Die Ergebnisse und Entscheidungen werden in Form eines emotionalen Erfahrungsberichts dargestellt. |
Erzählen und Wissenschafts-kommunikation
Erzählen steht zunächst im Spannungsverhältnis zu wissenschaftlicher Kommunikation, die traditionell auf Beschreibung, Erklärung und Argumentation ausgerichtet ist. In der Forschung zur Wissenschaftskommunikation wird jedoch zunehmend betont, dass Narrationen nicht nur literarische Formen sind, sondern auch kognitive Funktionen haben, die das Dargestellte nachvollziehbarer machen: Auch wissenschaftliches Arbeiten kann als ein fortlaufender Prozess dargestellt werden, indem von Hypothesen, Experimenten und Ergebnisse erzählt wird, die dadurch zusammenhängend und plausibel erscheinen. Narrationen sind also nicht grundsätzlich „unwissenschaftlich“, sondern eine mögliche Form der Strukturierung und Vermittlung von Wissen.
Narration bzw. Storytelling ist für Wissenschaftskommunikation außerdem interessant, weil es Identifikationsmöglichkeiten mit den Protagonist:innen und damit das Eintauchen in deren Lebens- und Arbeitswelt ermöglicht. Forschung kann damit an Glaubwürdigkeit und Autorität gewinnen, wenn die Forschenden als authentisch wahrgenommen werden.
In der Wissenschaftskommunikation geht es vor allem um faktuales Erzählen. Das heißt, es sollten keine Personen, Schauplätze oder Ereignisse erfunden werden, sondern der/die Autor:in sollte mit Fakten arbeiten und sich für die Richtigkeit des Berichteten verbürgen können.
Effekte und Wirkungen: Braucht Wissenschaftskommunikation Narrationen?
Narrativität ist in der Wissenschaftskommunikation kein Entweder-Oder, sondern ein graduelles Merkmal: Texte können stärker oder schwächer narrativ geprägt sein. Häufig wird angenommen, dass narrative Darstellungen analytisch-argumentativen Formen überlegen seien – zumindest im Hinblick auf Verständlichkeit und Zustimmungsfähigkeit. Diese Annahme wird durch empirische Studien jedoch nicht eindeutig bestätigt. Untersuchungen zeigen, dass narrative Texte im Vergleich zu analytischen Darstellungen keine eindeutigen Vorteile für das Textverstehen oder den Wissenserwerb aufweisen – weder kurzfristig noch langfristig. Auch die subjektive Wahrnehmung von Verständlichkeit unterscheidet sich kaum gegenüber nicht-narrativen Texten.
Für die Erinnerbarkeit zeigen sich bei narrativen Texten zwar teilweise positive Effekte, diese sind jedoch nicht stabil. Mitunter fällt die Erinnerungsleistung sogar geringer aus.
Deutlicher sind die Effekte im emotionalen Bereich: Narrative Darstellungen fördern empathisches Miterleben und lenken die Aufmerksamkeit stärker auf den Inhalt als auf die Quelle oder das Thema insgesamt.
Erzählen ist eine Kunst, die beherrscht werden will. Dafür braucht es Handwerk und Übung. Daher ist unsere Empfehlung, eher einzelne narrative Elemente einzubetten als ganze Geschichten zu entwerfen. Dabei sollten Sie auf die Textsorte achten und überlegen, ob narrative Elemente hier Sinn machen (z. B. sind sie für Pressemeldungen eher ungeeignet, für längere Berichte auf den eigenen Webseiten aber interessant). Narrative Elemente eignen sich zum Beispiel dann, wenn Perspektiven der Forschenden eingenommen werden oder wenn die Forschenden aus ihrem Forschungsalltag berichten (siehe auch Zitate).
Prüffragen für die Textarbeit
- Sind narrative Formen in der jeweiligen Textsorte angemessen?
- Sind narrative Formen für das jeweilige Thema angemessen?
- Ist die Perspektive der Forschenden (vor allem einzelner Forscher:innen) wichtig, die narrativ aufgegriffen werden könnte?
- Ist die erzählte Geschichte stimmig – und hält sie sich an die Fakten?
- Was ist das Ziel des Storytelling-Einsatzes?
- Lohnt sich angesichts des zu erwartenden Nutzens der Zeitaufwand, narrative Elemente zu entwickeln und zu einer schlüssigen „Geschichte“ zusammenzufügen?
- Worin besteht der Mehrwert der Narration im gegebenen Text?
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