Storytelling/Narration
Narrationen mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Narrativen Kommunikationsformen bzw. Storytelling wird ein großes Potenzial zugeschrieben: Sie sollen Wissen leichter vermitteln, Aufmerksamkeit erzeugen und Einstellungen oder Verhalten beeinflussen. Da Erzählen als ein vertrauter Kommunikationsmodus gilt, erscheint es logisch, dass erzählende Texte besonders verständlich sind. Doch Narrationen sind kein Allheilmittel. Sie verbessern <Verständlichkeit> nicht automatisch und eigenen sich nicht für jeden Inhalt und jede <Zielgruppe>. Unter bestimmten Bedingungen können narrative Elemente Attraktivität und Verständlichkeit steigern, sie können aber auch zu Zielkonflikten führen – etwa dann, wenn Sachverhalte verkürzt, vereinfacht oder narrativ zugespitzt werden müssen und dabei an Präzision oder Authentizität verlieren.
Der Einsatz erzählerischer Elemente sollte bewusst und reflektiert erfolgen. Entscheidend ist nicht, ob ein Text narrativ ist, sondern welche Funktion Narration im jeweiligen Kontext erfüllt. Die zentrale Frage lautet daher: Wann hilft Erzählen und wann ist eine sachliche Informationsstruktur die angemessenere Wahl?
Definition: Was sind Narrationen?
Eine Narration ist eine Form der Kommunikation, die sich von beschreibenden oder argumentativen Darstellungen unterscheidet. Sie stellt ein Geschehen in Form einer Geschichte dar, mit einem zeitlichen Verlauf, Akteur:innen in bestimmten Rollen und einer erkennbaren Struktur. Ereignisse werden nicht nur aneinandergereiht, sondern kausal miteinander verknüpft und zu einer sinnvollen Gesamtgestalt zusammengefügt. Narrationen können abstrakte Sachverhalte veranschaulichen, indem sie konkrete Beispiele, Anekdoten oder Episoden einbinden und so ein „inneres Bild“ entstehen lassen. Sie entwerfen mögliche Welten und Perspektiven, durch die Inhalte nicht nur dargestellt, sondern auch gedeutet werden.
Beispiele
| analytisch-sachlich geprägt | narrativ geprägt | |
| Beispiel | Das Institut veröffentlicht heute die Ergebnisse einer Studie zu… | Vor drei Jahren begann am Institut ein Projekt, das heute… |
| Zweck/ Funktion | Der Einstieg mit einer Kernaussage mit Nachrichtenwert dient der Information und Einordung. | Der szenische Einstieg dient der Veranschaulichung und Gewinnung von Aufmerksamkeit. |
| Beispiel | Die Untersuchung wurde in drei Phasen durchgeführt. | Der Weg zum Ergebnis war von mehreren Rückschlägen geprägt. |
| Zweck/ Funktion | Die Forschungsprozesse werden im Kontext der Ergebnisse dargelegt. | Die Ergebnisse und Entschei-dungen werden in Form eines Erfahrungsberichts dargestellt. |
Erzählen und Wissenschafts-kommunikation
Erzählen steht zunächst im Spannungsverhältnis zu wissenschaftlicher Kommunikation, die traditionell auf Erklärung, Argumentation und Nachvollziehbarkeit ausgerichtet ist. In der Forschung zur Wissenschaftskommunikation wird jedoch zunehmend betont, dass Narrationen nicht nur literarische Formen sind, sondern auch kognitive Funktionen haben. Wissenschaftliches Arbeiten kann als ein fortlaufender, multiperspektivischer Prozess verstanden werden, in dem Ergebnisse, Hypothesen und Praktiken erzählt, eingeordnet und plausibilisiert werden. Damit sind Narrationen nicht grundsätzlich „unwissenschaftlich“, sondern eine mögliche Form der Strukturierung und Vermittlung von Wissen.
Narration bzw. Storytelling ist für Wissenschaftskommunikation interessant, weil sie Identifikationsmöglichkeiten mit den Protagonist:innen und damit das Eintauchen in deren Lebenswelt ermöglicht. Forschung kann damit an <Glaubwürdigkeit>, Autorität und Authentizität gewinnen, wenn die Forschenden als authentisch wahrgenommen werden.
In der Wissenschaftskommunikation geht es vor allem um faktuales Erzählen (Weixler 2017). Das heißt, es sollten keine Personen, Schauplätze oder Ereignisse erfunden werden, sondern der Autor/die Autorin sollte mit Vorhandenem arbeiten und sich für die Richtigkeit des Berichteten verbürgen können.
Effekte und Wirkungen: Braucht Wissenschaftskommunikation Narrationen?
Narrativität ist kein Entweder-Oder, sondern ein graduelles Merkmal: Texte können stärker oder schwächer narrativ geprägt sein. Häufig wird implizit angenommen, dass narrative Darstellungen analytisch-argumentativen Formen überlegen seien – insbesondere im Hinblick auf <Verständlichkeit>. Diese Annahme wird durch empirische Studien jedoch nicht eindeutig bestätigt. Untersuchungen (u.a. Früh & Frey 2014) zeigen, dass narrative Texte im Vergleich zu analytischen Darstellungen keine konsistenten Vorteile für das Textverstehen oder den Wissenserwerb aufweisen – weder kurzfristig noch langfristig. Auch subjektive Verständlichkeitseinschätzungen unterscheiden sich kaum.
Für die Erinnerung der Inhalte finden sich zwar teilweise positive Effekte narrativer Texte, diese sind jedoch nicht stabil. Teilweise fällt die Erinnerungsleistung sogar geringer aus. Deutlicher sind Effekte im emotionalen Bereich: Narrative Darstellungen fördern empathisches Miterleben und lenken die Aufmerksamkeit stärker auf den Inhalt als auf die Quelle oder das Thema insgesamt.
Erzählen ist eine Kunst, die beherrscht werden will (Kock 2017). Dafür braucht es Handwerk und Übung. Daher ist unsere Empfehlung, keine ganze Geschichte zu entwerfen, sondern einzelne narrative Elemente einzubetten. Dabei sollten Sie genau auf die Textsorte schauen und überlegen, ob narrative Elemente dort Sinn machen (z. B. sind sie für Pressemeldungen eher ungeeignet, für Berichte auf den eigenen Webseiten aber interessant). Narrative Elemente können dann eingebettet werden, indem beispielsweise Perspektiven der Forschenden eingenommen werden, oder indem die Forschenden aus ihrem Forschungsalltag berichten und diese <Zitate> in den Text aufgenommen werden.
Prüffragen für die Textarbeit
- Sind narrative Formen in der jeweiligen Textsorte angemessen?
- Was ist das Ziel des Storytelling-Einsatzes?
- Lohnt sich der Aufwand, narrative Elemente zu entwickeln und zu einer schlüssigen „Geschichte“ zusammenzufügen?
- Worin besteht der Mehrwert der Narration im gegebenen Text?
Weitere passende Ergebnisse
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Verständlichkeit
Verstehen bzw. Textrezeption ist ein aktiver Prozess, der nicht nur auf dem Lesen eines Texts beruht, sondern ganz wesentlich auch darauf, auf die eigenen Wissensbestände zurückzugreifen. Das bedeutet aber auch, dass Menschen den Sinn desselben Texts auf unterschiedliche Weise konstruieren können. Weiterlesen
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Zitate
Zitate können Aussagen erläutern, bewerten oder veranschaulichen und machen Pressemitteilungen dadurch anschaulicher. Entscheidend ist ihre Funktion: Ein gutes Zitat ergänzt die Nachricht, statt sie zu wiederholen. Weiterlesen
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Metaphern
Metaphern sind bildhafte Ausdrücke, die im übertragenen Sinne zu verstehen sind. Sie können in der Wissenschaftskommunikation hilfreich sein, um komplexe Inhalte zu vermitteln. Weiterlesen

