Passiv & Aktiv
Passiv ist kein sprachlicher Fehler, und Aktiv ist nicht automatisch die bessere Wahl. Beide Formen sind Werkzeuge der Perspektivierung. Entscheidend ist deshalb bei der Verwendung die richtige Dosis.
Aktiv und Passiv mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Innerhalb der Wissenschaftskommunikation sind Passivkonstruktionen keine Seltenheit. Und dabei ist Passiv keineswegs grundsätzlich schlecht: Das Passiv kann sinnvoll sein, wenn ein Vorgang, ein Zustand oder ein Ergebnis im Mittelpunkt steht: Wissenschaftliche Erkenntnis soll unabhängig von der Person gelten. Dennoch können Passivkonstruktionen die Verständlichkeit von Texten erschweren. Deshalb stellt sich für Texte, die für eine breite Öffentlichkeit geschrieben werden, die Frage, wann das Passiv sachliche Präzision schafft und wann es einen Text unnötig abstrakt und schwer verständlich macht. Entscheidend ist deshalb die richtige Dosis: Das Passiv hilft dort, wo es eine Funktion erfüllt – und das Aktiv dort, wo es anschaulicher ist.
Definition: Aktiv oder Passiv?
Der wichtigste Unterschied zwischen Aktiv und Passiv liegt in der Perspektive auf einen Sachverhalt:
Aktiv
Die Forscherin untersuchte die Bodenproben.
Passiv
Die Bodenproben wurden untersucht.
Beide Sätze beschreiben denselben Sachverhalt, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Im Aktiv steht die handelnde Person oder Instanz im Vordergrund, im Passiv wird dagegen der Vorgang oder das Ergebnis fokussiert. Eine Formulierung im Passiv kann dann sinnvoll sein, wenn beispielsweise das Untersuchungsverfahren oder die untersuchten Objekte im Mittelpunkt stehen. Hierfür muss die handelnde Person nicht in jedem Satz genannt werden. Eine Formulierung im Aktiv lenkt die Aufmerksamkeit dagegen auf die- und denjenigen, die/der etwas tut.
Eine gute Mischung aus Aktiv und Passiv
Passivkonstruktionen können persönliche Distanz schaffen und den Eindruck unterstützen, dass nicht die Forschenden als Personen, sondern die Vorgänge, Methoden und Ergebnisse im Zentrum stehen. Das bedeutet aber nicht, das Passiv automatisch für Objektivität sorgt. Wissenschaftliche Objektivität entsteht nicht allein durch grammatische Konstruktionen, sondern ganz wesentlich durch transparente Methoden, nachvollziehbare Argumentation und eine offene Darstellung von Grenzen und Unsicherheit. Gerade für Texte aus der Wissenschaft ist deshalb ein bewusster Einsatz des Aktivs sinnvoll, beispielsweise wenn die handelnde Person für das Verständnis des Sachverhalts relevant ist oder wenn wissenschaftliches Arbeiten dadurch anschaulicher wird. Weil das Passiv der Perspektivierung eines Satzes dient, können damit unterschiedliche Teile eines Satzes in den Fokus gerückt werden:
- Vorgangspassiv: Das Vorgangspassiv wird mit werden gebildet und stellt einen Vorgang in den Mittelpunkt – Die Proben werden untersucht.
- Zustandspassiv: Das Zustandspassiv wird mit sein gebildet und beschreibt in der Regel einen aus einem Vorgang entstandenen Zustand – Die Proben sind untersucht. Hier steht also nicht mehr der Vorgang des Untersuchens, sondern das daraus resultierende Ergebnis im Vordergrund.
- Passiversatzformen: Grammatisch stehen sie im Aktiv, sie erfüllen aber eine ähnliche Funktion wie das Passiv. Denn die handelnde Person bleibt unbestimmt oder wird gar nicht erst genannt. Dazu gehören: man, sein + Infinitiv, Adjektive auf -bar, (sich) lassen + Infinitiv – Man kann die Ergebnisse auf verschiedene Weise interpretieren / Die Ergebnisse lassen sich auf verschiedene Weise interpretieren / Die Ergebnisse sind unterschiedlich interpretierbar.
- Rezipientenpassiv: Beim Rezipientenpassiv steht die Person im Mittelpunkt, die etwas erhält – Die Forschenden bekommen die Ergebnisse mitgeteilt.
- Unpersönliches Aktiv: Auch das Aktiv kann man so nutzen, dass Personen nicht im Vordergrund stehen, indem man ein Handlungsverb mit einem nicht-menschlischen Subjekt kombiniert – Die Studie verdeutlicht… / Der Beitrag erläutert …
Trotz seiner wichtigen Funktion macht das Passiv einen Text umständlicher und schwerfälliger – allein die Satzklammer des Passivs (werden/sind … untersucht) fordert beim Lesen mehr Aufmerksamkeit. Passiv lädt außerdem zu weiteren unpersönlichen Formulierungen wie Nominalisierungen ein (Die Gutachten zum Forschungsantrag wurden dem Forscher zugestellt.), was die Verständlichkeit zusätzlich erschwert.
Aktiv macht Wissenschaft sichtbar
Gerade in der Wissenschaftskommunikation kann das Aktiv dazu beitragen, Wissenschaft als konkrete menschliche Tätigkeit sichtbar zu machen. Forschung wird von Menschen geplant, durchgeführt, ausgewertet und diskutiert. Ein Aktiv-Satz macht deutlich, wer handelt. Dadurch kann er verständlicher und anschaulicher wirken.
Nicht
Die Daten wurden ausgewertet und anschließend miteinander verglichen.
Sondern
Das Forschungsteam wertete die Daten aus und verglich sie anschließend miteinander.
Unpersönliches Aktiv für die Argumentation
Besondern sinnvoll ist ein unpersönliches Aktiv bei Argumentationen und Positionierungen. Formulierungen wie Die Studie zeigt… oder Die Untersuchung macht deutlich… können personenunabhängige Sachlichkeit und sprachliche Klarheit miteinander verbinden.
Nicht:
Ein deutlicher Zusammenhang wird durch die Ergebnisse gezeigt.
Sondern:
Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang.
Prüffragen für die Textarbeit:
- Wer handelt? Ist die handelnde Person (oder Institution) bekannt?
- Ist die handelnde Person für das Verständnis oder die Anschaulichkeit relevant?
- Welche Perspektive braucht dieser Satz an dieser Stelle des Textes?
- Was soll im Mittelpunkt stehen? Die handelnde Person, der Vorgang, der Zustand oder das Ergebnis?
- Macht das Passiv den Satz unnötig lang oder abstrakt?
- Könnten Passiversatzformen oder unpersönliches Aktiv eine Formulierungsalternative sein?
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