(Un)Gewissheits­markierungen

Wissenschaftliches Wissen ist grundsätzlich vorläufig und hat nur eine bestimmte Reichweite. Daher sollte Nichtwissen und unsicheres Wissen sprachlich als solches markiert werden.

(Un)Gewissheitsmarkierungen mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

In der Wissenschaft gibt es verschiedene Typen und Abstufungen von Wissen. Diese Grade von Gesichertheit von Wissen sollten auch in Texten, die an die Öffentlichkeit gerichtet sind, angegeben werden. Dies hilft den Lesenden, die Reichweite der Inhalte einzuschätzen und Forschungsergebnisse sowie deren Interpretation durch die Forschenden nachzuvollziehen.

Nichtwissen ist immer an einen Träger gebunden, also eine Person, Forschergruppe oder Disziplin, die etwas (noch) nicht (sicher) weiß. 

Definition: Was sind (Un)Gewissheitsmarkierungen?

(Un)Gewissheitsmarkierungen sind alle sprachlichen Mittel, die dazu geeignet sind, (Un)Gewissheit anzuzeigen. Hierzu gehören:

Modalverben

<Modalverben> wie können, müssen, sollen, dürfen geben an, wie Aussagen zu verstehen sind; sie signalisieren Unsicherheit, eine logische Möglichkeit (es können noch weitere Phänomene auftreten) oder eine Vermutung (es mag noch weitere Phänomene geben).

Mittel zum Ausdruck von Zeitlichkeit

Solche Formulierungen verweisen auf Abzuwartendes (wir müssen erstmal weiterforschen), Zukünftiges (in einem Jahr wissen wir mehr), Dauer (daran wird seit langem geforscht/dies hat eine lange Forschungstradition), Erwartungen und Vertrauen in die Zukunft (wir hoffen, dass die Auswertung der Messdaten Antworten auf unsere Fragen gibt).

Formen der Verneinung

Formen der Verneinung markieren Wissenslücken und andere Formen von Nichtwissen (dies konnte bislang noch nicht erklärt werden).

Wörter aus dem Wortfeld unbekannt, offen, unsicher

Mit diesen Formulierungen kann auf offene Forschungsfragen und Unsicherheiten bzgl. Modellen, Konzepten, Erklärungsansätzen und Ausgang von Experimenten verwiesen werden.

Wörter aus dem Wortfeld sagen, meinen, glauben

Verben wie sagen, meinen, glauben oder vermuten und meinen zeigen den Grad der Unsicherheit des Gesagten an.

Wörter aus dem Wortfeld Wissen, Forschung

Wörter wie Wissensstand  oder  Annahmen zeigen den Grad der Gesichertheit des Gesagten an und verweisen auf Forschungsdesiderate.

Appellative Sprachhandlungs-muster

Formulierungen wie es ist weitere Forschung nötig oder da müssen wir weitere Messungen durchführen  können Forschungsdesiderate kennzeichnen und nötige Handlungen formulieren.

Rhetorische Mittel

Rhetorische Mittel wie Metaphern oder Analogien können positive oder negative Bewertungen ausdrücken, z. B. Wissenslücke, eine Frage steht im Raum, Schatten des Wissens, Zukunftsmusik

Wörter aus dem Wortfeld ‚kognitive Ergebnissicherung‘

Formulierungen wie Schlussfolgerung, Definition, Postulat können Wissen und Nichtwissen sowie Grade der (Un-)Gesichertheit kognitiv sortieren

Beispiele
Anzeigen einer Möglichkeit:
Anzeigen einer Forschungslücke und Unsicherheit:
Anzeigen von Risiko und Forschungsdesiderat

Es gibt eine Reihe von Risiken und Unbekannten“, sagt Paul Bertsch,
stellvertretender Direktor der Land and Water Flagship der Commonwealth
Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) im australischen
Brisbane und ehemaliger Vorsitzender des Council of Scientific
Society Presidents, dem Veranstalter der Geoengineering-Konferenz.
„Wir müssen also dringend einen abgestimmten Forschungsplan entwickeln 
und umsetzen, der sich genau damit auseinandersetzt.

Spektrum
Warum sind (Un)Gewissheits-markierungen wichtig, wann werden sie problematisch?

Nichtwissens- und Unsicherheitsäußerungen sind normale und wichtige Bestandteile von Wissenschaft und innerwissenschaftlicher Kommunikation. Sie sind Anlass für Diskussionen, für das Eingrenzen der Reichweite von Forschungsergebnissen und das Identifizieren von Forschungslücken. Da dies im wissenschaftlichen Diskurs essenziell ist, sollte auch bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit unsicheres Wissen, noch nicht verfügbares Wissen oder nur eingeschränkt geltendes Wissen als solches markiert werden. Wichtig ist: Die Darstellung von Nichtwissen und unsicherem Wissen sind dabei keine Anzeichen für Inkompetenz. Im Gegenteil: Sie signalisieren Kompetenz, wenn Wissenschaftler:innen korrekt und professionell mit (ihrem) Nichtwissen umgehen, also unsicheres Wissen identifizieren, lokalisieren, thematisieren, an eine Person, Forschungsgruppe, Disziplin oder anderes binden und als solches deklarieren – sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Kommunikation. 

Es ist sinnvoll, den Grad der Gesichertheit von Wissen (glauben oder vermuten vs. wissensubjektive Beobachtung vs. empirisch belegt) oder Wahrscheinlichkeiten anzugeben (möglicherweise, wahrscheinlich, ziemlich sicher – vor allem in der Risikokommunikation relevant), obwohl Studien gezeigt haben, dass Leser:innen den Sicherheitsgrad trotzdem nicht richtig interpretieren oder anders bewerten. Eine konsequente Unsicherheits-kommunikation kann aber zur wichtigen uncertainty literacy beigetragen.

Prüffragen für die Textarbeit
  • Sind wichtige Unsicherheiten als solche benannt?
  • Ist der Grad der Gesichertheit von Wissen angegeben?
  • Ist sichergestellt, dass unsicheres Wissen nicht durch Verkürzung als sicheres Wissen präsentiert ist?
  • Ist das Nichtwissen an einen Träger (z. B. eine Person, ein Fachgebiet, eine Disziplin) gebunden?
  • Können Lösungswege und/oder zeitliche Perspektiven zur Überwindung des Nichtwissens (z. B. Forschungsprojekte, Einrichtung von Forschungsgruppen oder das Warten auf Ergebnisse komplexer Modellrechnungen) angegeben werden?

Das könnte Sie auch interessieren

  • Zahlen und Daten

    Zahlen wirken präzise, objektiv und besonders verlässlich. Doch ohne Einordnung schaffen sie nicht automatisch Klarheit und können ebenso verunsichern oder fehlgedeutet werden. Weiterlesen

    Weiterlesen
  • Storytelling/Narration

    Erzählen gilt als ein vertrauter Kommunikationsmodus und erscheint daher auf den ersten Blick besonders verständlich. Welche Funktionen erfüllen Narrationen tatsächlich und sind sie für Verständlichkeit in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit notwendig? Weiterlesen

    Weiterlesen
  • Metaphern

    Metaphern sind bildhafte Ausdrücke, die im übertragenen Sinne zu verstehen sind. Sie können in der Wissenschaftskommunikation hilfreich sein, um komplexe Inhalte zu vermitteln. Weiterlesen

    Weiterlesen