Vertrauen & kommunikative Ethik
Gerade wenn populistische Diskurse den Wert von wissenschaftlichem Wissen in Frage stellen, braucht es eine Wissenschaftskommunikation, die Vertrauen weckt und fördert. Vertrauen bekommt man aber nicht zwangsläufig geschenkt. Es ist auch eine Folge von bewussten sprachlichen Entscheidungen in der Wissenschaftskommunikation.
Vertrauen und kommunikative Ethik mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Traditionell diente Wissenschaftskommunikation vor allem der Imagebildung oder Werbung (z.B. um Nachwuchs und „beste Köpfe“). Heute müssen diese Ziele in den Hintergrund rücken. Wichtiger geworden sind langfristige politische Perspektiven, weil Forschungergebnisse und wissenschaftliche Werte zunehmend öffentlich debattiert werden. Schreibende sind also nicht länger nur „Sender“, sondern müssen die Rezipierenden-Perspektive stärker berücksichtigen. Die kommunikationsethische Kernfrage lautet: Wie kommunizieren wir Komplexität, ohne die Öffentlichkeit zu überfordern oder aber nicht ernst genug zu nehmen?
Das Dilemma: Einerseits fordert die wissenschaftliche Ethik, genau und evidenzorientiert zu kommunizieren. Dabei müssen auch Widersprüche und Grenzen von Erkenntnissen offengelegt werden. Andererseits zeigen Rezeptionsstudien, dass die Thematisierung von Ungewissheit, Zweifel oder Kontroverse von Teilen der Öffentlichkeit als weniger glaubwürdig empfunden werden kann.
Die Konsequenz: Das Verschweigen von Ungewissheit ist keine Option, da sich der Diskurs sonst selbstständig verschiebt. Pressestellen müssen aktiv werden, um wahrgenommene Risiken in Beziehung zum erwarteten Nutzen zu setzen.
Definition: Vertrauen und kommunikative Ethik
Vertrauen ist kein statischer Zustand, sondern ein kognitiver Verarbeitungsprozess. Wissenschaftsvertrauen basiert auf den drei Dimensionen Expertise, Integrität und Wohlwollen: Wissenschaftler:innen müssen als kompetent, rechtschaffen und am Gemeinwohl orientiert wahrgenommen werden. Vertrauen entsteht, wenn Bürger:innen der Wissenschaft zutrauen, Probleme zu lösen. Dafür müssen sie verstehen, dass Wissenschaft ein Prozess ist, zu dem es immer schon dazu gehört, etwas nicht (sicher) zu wissen.
Zu einer kommunikativen Ethik gehören drei Aspekte:
- Realistische Erwartungshaltung: Statt auf Faszination zu setzen, müssen Möglichkeiten und Grenzen der Forschung aufgezeigt werden. Nicht zu jedem Paper braucht es eine Pressemitteilung.
- Anerkennung der Zielgruppe: Es gibt nicht „die“ Öffentlichkeit, sondern diverse Zielgruppen mit unterschiedlichem Vorwissen und verschiedenen Vorbehalten. Ethik bedeutet, diese Vielfalt anzuerkennen.
- Qualitätssicherung durch Kommunikation: Wissenschaftskommunikation muss nicht nur Ergebnisse vermitteln, sondern auch die wissenschaftliche Qualitätssicherung nach außen spiegeln.
Aus linguistischer Perspektive
Sprache kann dabei helfen, Vertrauen zu schaffen. Aus linguistischer Sicht lassen sich drei Herausforderungen identifizieren:
Klarheit
Wie thematisiert man Risiken in verständlicher Form?
Komplexe Darstellungen von Unsicherheit und Risiko reduzieren die wahrgenommene Verständlichkeit. Risikokommunikation erfordert deshalb kurze, klare Sätze. Lange Konditional- oder Relativsätze sollten vermieden werden, um die kognitive Last zu reduzieren.
Fassen Sie daher jede bedeutsame Relativierung in einem eigenen Satz:
Statt:
Wenn A passiert, könnte B eintreten, falls C nicht eintritt.
Besser:
A kann B verursachen. Dies hängt jedoch von C ab.
Ungewissheit
Wie kommuniziert man unsicheres Wissen, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren?
Statt Unsicherheit als Defizit darzustellen, fokussieren Sie sich sprachlich auf Maßnahmen zu ihrer Reduktion: Die Entwicklung ist noch nicht vollständig geklärt. Aktuell konzentrieren wir uns auf die Erhebung von Daten, um diese Lücke zu schließen.
Widersprüchliche Befunde sollten transparent gemacht werden, ohne den Eindruck von Beliebigkeit zu erwecken. Ein Möglichkeit ist, Befunde explizit zu rahmen und einzuordnen: Die aktuelle Studie zeigt X, während frühere Arbeiten Y nahelegten. Der Unterschied liegt in der Methodik.
Zielgruppen-Orientierung
Wie gestaltet man den Wechsel von der Sender- zur Empfängerperspektive auf der Ebene der Sprache?
Fachsprache wirkt oft als Abgrenzungsinstrument und kann Misstrauen schüren. Vermeiden oder erklären Sie daher Fachbegriffe.
Erwartungen an eine transformative Wissenschaft müssen explizit gemacht werden. Adressieren Sie die Leser:innen und beziehen Sie sie mit ein:
Statt:
Die Wissenschaft liefert Lösungen.
Besser:
Gemeinsam mit der Gesellschaft entwickeln wir Lösungen.
Prüfkriterien für die Textarbeit
- Kommunizieren Sie Unsicherheiten als Stärke: Dies signalisiert Integrität und entspricht der Realität der Wissenschaft.
- Verwenden Sie kurze Sätze ohne Wenn-und-Aber-Konstruktionen: Damit erhöhen Sie Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit.
- Vermeiden Sie Einerseits-Andererseits-Muster: Widersprüche und unsicheres Wissen sind nicht beliebig, sondern gehören zur Wissenschaft.
- Wählen Sie die Inhalte sorgfältig, statt mit Quantität zu überfordern: Nicht jedes Paper ist für die Außenwelt relevant.
- Wählen Sie eine zielgruppenspezifische Ansprache: Jüngere Zielgruppen (unter 30 Jahren) haben ein höheres Vertrauen in die Wissenschaft, benötigen aber klare Einordnungen von Befunden, Zahlen und Daten (Wissenschaftsbarometer 2025).
- Konzentrieren Sie sich auf Lösungsmöglichkeiten: Damit lenken Sie die Aufmerksamkeit auf (mögliche) Maßnahmen und verwandeln Ohmacht in Handlungsfähigkeit.
- Erklären Sie, wie Wissenschaft funktioniert: Wenn wissenschaftliche Prozeduren transparent werden, hilft das Lesenden bei der Einordnung von Ungewissheit und Kontroversen.
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