Vertrauen und kommunikative Ethik
Vertrauen und kommunikative Ethik mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Traditionell diente Wissenschaftskommunikation oft der Nachwuchswerbung oder Imagebildung. Heute müssen diese Ziele in den Hintergrund rücken: Der Fokus liegt auf langfristigen Perspektiven, bei denen Forschungsentwicklungen und wissenschaftliche Werte öffentlich debattiert werden (Weißkopf 2020).
Für Pressemitteilungen bedeutet dies eine ethische Verpflichtung: Sie sind nicht länger nur „Sender“, sondern müssen die „Empfängerperspektive“ einnehmen (Beck & Wandt 2020). Die Kernfrage lautet: Wie kommunizieren wir Komplexität, ohne die Öffentlichkeit zu überfordern oder zu täuschen?
Das zentrale Dilemma: Einerseits fordert kommunikative Ethik, Widersprüche und Grenzen von Erkenntnissen offenzulegen. Andererseits zeigen Rezeptionsstudien, dass die Darstellung Unsicherheit von Teilen der Öffentlichkeit als „unwissenschaftlich“ oder weniger glaubwürdig empfunden werden kann (Varwig 2020).
Die Konsequenz: Schweigen über Unsicherheit ist keine Option, da sich der Diskurs sonst selbstständig verschiebt. Pressestellen müssen aktiv werden, um wahrgenommene Risiken in Beziehung zum erwarteten Nutzen zu setzen (Wingen 2019).
Definition: Vertrauen und kommunikative Ethik
Vertrauen ist kein statischer Zustand, sondern ein kognitiver Verarbeitungsprozess (Lewis & Weigert 1985). Es basiert auf drei Dimensionen, wobei die „Zuschreibung von Können“ (nach Rainer Bromme) zentral ist. Vertrauen entsteht, wenn die Öffentlichkeit der Wissenschaft zutraut, Probleme zu lösen und versteht, dass Wissenschaft ein fortschreitender Prozess ist.
Kommunikative Ethik umfasst drei Aspekte:
- Realistische Erwartungshaltung: Statt Faszination zu wecken, müssen Möglichkeiten und Grenzen der Forschung aufgezeigt werden. Nicht zu jedem Paper braucht es eine Pressemitteilung (Beck & Wandt 2020).
- Anerkennung der Zielgruppe: Es gibt nicht die „neue Öffentlichkeit“, sondern diverse Zielgruppen mit unterschiedlichem Vorwissen und Vorbehalten. Ethik bedeutet, diese Heterogenität anzuerkennen.
- Qualitätssicherung durch Kommunikation: Wissenschaftskommunikation muss nicht nur Ergebnisse transportieren, sondern auch die Qualitätssicherung in der Wissenschaft nach außen spiegeln (Beer & Pasternack 2019).
Aus linguistischer Perspektive
Sprache konstruiert Vertrauen. Aus linguistischer Sicht lassen sich drei Herausforderungen identifizieren:
Klarheit vs. Unsicherheit
Risikokommunikation erfordert kurze, klare Sätze ohne Wenn-und-Aber. Lange Konditional- oder Relativsätze sollten vermieden werden, um die kognitive Last zu reduzieren.
Komplexe Darstellungen von Unsicherheit reduzieren die wahrgenommene Verständlichkeit. Fassen Sie daher jede bedeutsame Relativierung in einem eigenen Satz:
Statt:
„Wenn A passiert, könnte B eintreten, falls C nicht eintritt“
Besser:
„A kann B verursachen. Dies hängt jedoch von C ab“
Unsicherheitsmarkierungen
Wie kommuniziert man Unsicherheit, ohne Glaubwürdigkeit zu verlieren?
- Vermeiden Sie „Einerseits-Andererseits“-Muster:
Machen Sie widersprüchliche Befunde transparent, ohne den Eindruck von Beliebigkeit zu erwecken, z. B. durch explizite Metadiskurse: „Die aktuelle Studie zeigt X, während frühere Arbeiten Y nahelegten. Der Unterschied liegt in der Methodik.“ - Strategie der Fokussierung:
Statt Unsicherheit als Defizit darzustellen, fokussieren Sie sich sprachlich auf Maßnahmen zu ihrer Reduktion: „Die Entwicklung ist noch nicht vollständig geklärt. Aktuell konzentrieren wir uns auf die Erhebung von Daten, um diese Lücke zu schließen.“
Sender-Empfänger-Sprache
Der Wechsel von der Sender- in die Empfängerperspektive erfordert Registeranpassung:
- <Fachbegriffe>: Vermeiden oder erklären Sie Fachbegriffe. Fachsprache wirkt oft als Abgrenzungsinstrument und kann Misstrauen schüren.
- Partizipation: Adressieren Sie die Leser:innen und deren Erwartung an eine transformative Wissenschaft (Beer & Pasternack 2019):
Statt:
„Die Wissenschaft liefert Lösungen“
Besser:
„Gemeinsam mit der Gesellschaft entwickeln wir Lösungen“
Prüfkriterien für die Textarbeit
- Kommunizieren Sie Unsicherheiten als Stärke: Dies signalisiert Integrität und entspricht der Realität der Wissenschaft.
- Optimieren Sie den Satzbau für das Verstehen: Kurze Sätze ohne Wenn-und-Aber erhöhen Nachvollziehbarkeit.
- Selektieren Sie Inhalte anstatt mit Quantität zu überfordern: Nicht jedes Paper ist für die Außenwelt relevant.
- Wählen Sie eine zielgruppenspezifische Ansprache: Jüngere Zielgruppen (unter 30 Jahren) haben ein höheres Vertrauen in die Wissenschaft, benötigen aber klare Einordnungen von Befunden, Zahlen und Daten (Wissenschaftsbarometer 2025).
- Fokussieren Sie sich auf die Lösungsorientierung: Damit lenken Sie Aufmerksamkeit auf Maßnahmen und wandeln Angst in Handlungskompetenz.
- Seien Sie transparent bezüglich wissenschaftlicher Mechanismen: Erklären Sie, wie Wissenschaft funktioniert. Dies hilft den Lesenden bei der Einordnung von Widersprüchen.
Weitere passende Ergebnisse
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(Un)Gewissheitsmarkierungen
Wissenschaftliches Wissen ist grundsätzlich vorläufig und gilt nur für eine bestimmte Reichweite. Daher sollte Nichtwissen und unsicheres Wissen sprachlich als solches markiert werden. Weiterlesen
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Fachbegriffe
Fachbegriffe spielen im Forschungsalltag eine wichtige Rolle, sie sind innerhalb einer Disziplin präzise, eindeutig und enthalten Wissen in kondensierter Form. Für Nicht-Fachleute sind sie aber schwer verständlich, vor allem dann, wenn sie sich in Texten häufen. Weiterlesen
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Modalität und Modalverben
Der unbewusste Einsatz von Modalverben kann einen Text unsicher oder unpräzise wirken lassen. Dabei können Modalverben helfen, Ergebnisse präzise darzustellen, ohne mehr Sicherheit zu suggerieren, als tatsächlich vorhanden ist. Weiterlesen

