(Un)Gewissheitsmarkierungen
(Un)Gewissheitsmarkierungen mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
In der Wissenschaft gibt es verschiedene Typen und Abstufungen von Wissen. Diese Grade von Gesichertheit von Wissen sollten auch in Texten, die an die Öffentlichkeit gerichtet sind, angegeben werden. Dies hilft den Lesenden, die Reichweite der Inhalte einzuschätzen und Forschungsergebnisse sowie deren Interpretation durch die Forschenden nachzuvollziehen.
- Wissen, Wahrheit, Fakten (= Dogma, Ideologie, Common Sense): Hier sprechen wir von einem Geltungsanspruch auf Wahrheit, der innerhalb einer scientific community nicht bestritten oder in Frage gestellt wird – oder nicht bestritten werden darf.
- Ausgeschlossenes und als irrelevant erachtetes Wissen, Tabus: Es gibt Wissensbestände, die aus einem Diskurs ausgeschlossen werden (z. B. Schamanenwissen). Diese können daher auch keine Wahrheitsansprüche stellen, da sie nicht gehört werden.
- Noch-nicht-Wissen, Forschungsdesiderate und Prognosen: Dieser Typ von Wissen betrifft Aussagen, für die noch nicht oder niemals angegeben werden kann, ob sie wahr sind oder nicht. Das bedeutet, dass noch nicht oder niemals gesagt werden kann, ob Nichtwissen oder unsicheres Wissen in gesichertes Wissen überführt werden können. Dies ist ein üblicher Ausgangspunkt für Forschungsarbeiten, die zum Ziel haben, Wissen aus Nichtwissen heraus zu generieren.
- Umstrittenes Wissen, Kontroversen, Zweifel, Skepsis: Wissen wird interaktiv und diskursiv ausgehandelt. Kontroversen und wissenschaftliche Diskurse sind von Kritik, Gegenkritik, Skepsis gegenüber Befunden/Methoden/Interpretationen und kritischem Zweifel und Hinterfragen geprägt. Das heißt: Jede Aussage ist nur solange gültig, bis sie jemand wiederlegt oder den Wahrheitsanspruch bestreitet.
Nichtwissen ist immer an einen Träger gebunden, also eine Person, Forschergruppe oder Disziplin, die etwas (noch) nicht (sicher) weiß.
Definition: Was sind (Un)Gewissheitsmarkierungen?
(Un)Gewissheitsmarkierungen sind alle sprachlichen Mittel, die dazu geeignet sind, (Un)Gewissheit anzuzeigen. Hierzu gehören:
Modalverben
<Modalverben> wie können, müssen, sollen, dürfen geben an, wie Aussagen zu verstehen sind; sie signalisieren Unsicherheit, eine logische Möglichkeit (es können noch weitere Phänomene auftreten) oder eine Vermutung (es mag noch weitere Phänomene geben).
Mittel zum Ausdruck von Zeitlichkeit
Solche Formulierungen verweisen auf Abzuwartendes (wir müssen erstmal weiterforschen), Zukünftiges (in einem Jahr wissen wir mehr), Dauer (daran wird seit langem geforscht/dies hat eine lange Forschungstradition), Erwartungen und Vertrauen in die Zukunft (wir hoffen, dass die Auswertung der Messdaten Antworten auf unsere Fragen gibt).
Formen der Verneinung
Formen der Verneinung markieren Wissenslücken und andere Formen von Nichtwissen (dies konnte bislang noch nicht erklärt werden).
Wörter aus dem Wortfeld unbekannt, offen, unsicher
Mit diesen Formulierungen kann auf offene Forschungsfragen und Unsicherheiten bzgl. Modellen, Konzepten, Erklärungsansätzen und Ausgang von Experimenten verwiesen werden.
Wörter aus dem Wortfeld sagen, meinen, glauben
Verben wie sagen, meinen, glauben oder vermuten und meinen zeigen den Grad der Unsicherheit des Gesagten an.
Wörter aus dem Wortfeld Wissen, Forschung
Wörter wie Wissensstand oder Annahmen zeigen den Grad der Gesichertheit des Gesagten an und verweisen auf Forschungsdesiderate.
Appellative Sprachhandlungs-muster
Formulierungen wie es ist weitere Forschung nötig oder da müssen wir weitere Messungen durchführen können Forschungsdesiderate kennzeichnen und nötige Handlungen formulieren.
Beispiele
Anzeigen einer Möglichkeit:
Die Anwendung von Geoengineering-Maßnahmen könnte aber zu einem Paradigmenwechsel in dreifacher Hinsicht führen…
Umweltbundesamt
Anzeigen einer Forschungslücke und Unsicherheit:
Die Auswirkungen und Folgen solcher Eingriffe für unseren Planeten sind aber
ARdalpha
bisher wenig erforscht. Unklar ist auch, ob einzelne Maßnahmen realisierbar sind.
Anzeigen von Risiko und Forschungsdesiderat
Es gibt eine Reihe von Risiken und Unbekannten“, sagt Paul Bertsch,
Spektrum
stellvertretender Direktor der Land and Water Flagship der Commonwealth
Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) im australischen
Brisbane und ehemaliger Vorsitzender des Council of Scientific
Society Presidents, dem Veranstalter der Geoengineering-Konferenz.
„Wir müssen also dringend einen abgestimmten Forschungsplan entwickeln
und umsetzen, der sich genau damit auseinandersetzt.
Warum sind (Un)Gewissheits-markierungen wichtig, wann werden sie problematisch?
Nichtwissens- und Unsicherheitsäußerungen sind normale und wichtige Bestandteile von Wissenschaft und innerwissenschaftlicher Kommunikation. Sie sind Anlass für Diskussionen, für das Eingrenzen der Reichweite von Forschungsergebnissen und das Identifizieren von Forschungslücken. Da dies im wissenschaftlichen Diskurs essenziell ist, sollte auch bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit unsicheres Wissen, noch nicht verfügbares Wissen oder nur eingeschränkt geltendes Wissen als solches markiert werden. Wichtig ist: Die Darstellung von Nichtwissen und unsicherem Wissen sind dabei keine Anzeichen für Inkompetenz. Im Gegenteil: Sie signalisieren Kompetenz, wenn Wissenschaftler:innen korrekt und professionell mit (ihrem) Nichtwissen umgehen, also unsicheres Wissen identifizieren, lokalisieren, thematisieren, an eine Person, Forschungsgruppe, Disziplin oder anderes binden und als solches deklarieren – sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Kommunikation.
Es ist sinnvoll, den Grad der Gesichertheit von Wissen (glauben oder vermuten vs. wissen, subjektive Beobachtung vs. empirisch belegt) oder Wahrscheinlichkeiten anzugeben (möglicherweise, wahrscheinlich, ziemlich sicher – vor allem in der Risikokommunikation relevant), obwohl Studien gezeigt haben, dass Leser:innen den Sicherheitsgrad trotzdem nicht richtig interpretieren oder anders bewerten. Eine konsequente Unsicherheits-kommunikation kann aber zur wichtigen uncertainty literacy beigetragen.
Prüffragen für die Textarbeit
- Sind wichtige Unsicherheiten als solche benannt?
- Ist sichergestellt, dass unsicheres Wissen nicht durch Verkürzung als sicheres Wissen präsentiert ist?

