Markierung von (Un)Gewissheit
Wissenschaftliches Wissen ist grundsätzlich vorläufig und hat nur eine bestimmte Reichweite. Daher sollten Nichtwissen und unsicheres Wissen sprachlich als solches markiert werden.
Markierung von (Un)Gewissheit mit Blick auf Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
In der Wissenschaft gibt es verschiedene Typen und Gewissheitsgrade von Wissen. Daten können fehlen, Methoden können unterschiedlich plausibilisieren, Ergebnisse können schwer zu deuten sein. Zudem können wissenschaftliche Erkenntnisse noch ausstehen (Forschungslücke), noch nicht präzise oder evident genug sein (Hypothesen) oder in ihrem Geltungsgrad angezweifelt werden (Kontroverse). Common Sense entsteht zudem erst durch Zustimmung, ist also sozial und nicht empirisch bedingt.
Im Wissenschaftsjournalismus wird oft auf die Markierung von Ungewissheit und Unsicherheit verzichtet – um wissenschaftliches Wissen als wahr zu markieren, wissenschaftliche Positionen pointierter auszudrücken oder aber um zu polarisieren, indem Aussagen dogmatischer klingen, als sie gemeint waren. Die unterschiedlichen Grade der Gewissheit bzw. Unsicherheit von Wissen sollten jedoch in Texten, die an die Öffentlichkeit gerichtet sind, offengelegt werden. Dies hilft den Lesenden, die Reichweite der Inhalte einzuschätzen und Forschungsergebnisse sowie deren Interpretation durch die Forschenden nachzuvollziehen. Transparenz stärkt die Integrität von Forschenden und damit auch das Vertrauen in die Wissenschaft.
Definition: Welcher Art sind Markierungen von (Un)Gewissheit?
(Un-)Gewissheitsmarkierungen sind alle sprachlichen Mittel, die dazu geeignet sind, (Un-)Gewissheit anzuzeigen. Hierzu gehören:
Modalverben und Modalwörter
Modalverben wie können, müssen, sollen, dürfen geben an, wie Aussagen zu verstehen sind; sie signalisieren, ob ein:e Autor:in etwas für wahrscheinlich (es sollten noch weitere Phänomene auftreten), für möglich (es können noch weitere Phänomene auftreten) , oder für ungewiss hält (es mag noch weitere Phänomene geben).
Mittel zum Ausdruck von zeitlichen Perspektiven
Solche Formulierungen verweisen auf in der Gegenwart Abzuwartendes (wir müssen erst einmal weiterforschen), Zukünftiges (in einem Jahr wissen wir mehr), Vergangenes (im 19. Jahrhundert war man noch fest davon überzeugt) sowie auf Zeiträume und Dauer (seit Jahren forschen sie zu…/wird noch Jahrzehnte dauern). Mit zeitlichen Perspektiven verbinden sich in der Regel auch (positive oder negative) Erwartungen (nach der Auswertung der Messdaten werden wir endlich Antworten auf unsere Fragen haben; ob diese Frage jemals beantwortet werden kann).
Formen der Verneinung
Formen der Verneinung markieren Wissenslücken und andere Formen von Nichtwissen (dies konnte bislang noch nicht erklärt werden).
Wörter aus dem Wortfeld unbekannt, offen, unsicher, strittig
Mit diesen Formulierungen kann z. B. auf offene Forschungsfragen verwiesen werden oder es können Unsicherheiten bei Modellen, Konzepten, Erklärungsansätzen und experimentellen Resultaten transparent gemacht werden.
Wörter aus dem Wortfeld sagen, meinen, glauben
Verben wie feststellen, versichern, behaupten, meinen oder vermuten zeigen den Grad der (Un-)Gewissheit des Gesagten oder der Unsicherheit des/der Äußernden an (ebenso die dazugehörigen Nominalisierungen wie Behauptung, Meinung, Vermutung). Sie sollten daher nicht zur bloßen Variation bei der Redewiedergabe (Zitate), sondern bewusst eingesetzt werden.
Wörter aus dem Wortfeld Wissen & Forschung
Wörter wie Forschungsdesiderat, Hypothese, Forschungsfrage, Forschungsstand oder unter-suchen, analysieren zeigen, dass Forschung ein Prozess ist, zu dem wissenschaftliche Skepsis und Nichtwissen immer schon dazugehören. Durch die Wortwahl kann auch hier auf den Grad der Gesichertheit des Berichteten hingewiesen werden.
Appellative Sprachhandlungen
Formulierungen wie es ist weitere Forschung nötig oder da müssen wir weitere Messungen durchführen können Forschungsdesiderate kennzeichnen und nötige Handlungen formulieren. Zu unterscheiden ist, ob sie sich an Adressaten richten (und damit Appelle darstellen) oder Selbstzuschreibungen sind (und also als Selbstverpflichtungen und Ankündigungen zu verstehen sind).
Wörter aus dem Wortfeld ‚kognitive Ergebnis-sicherung‘
Formulierungen wie Schlussfolgerung, Definition, Annahme oder Postulat können Wissen und Nichtwissen sowie Grade der (Un-)Gesichertheit kognitiv einordnen.
Beispiele
Anzeigen einer Möglichkeit:
Die Anwendung von Geoengineering-Maßnahmen könnte aber zu einem Paradigmenwechsel in dreifacher Hinsicht führen…
Umweltbundesamt
Anzeigen einer Forschungslücke und Unsicherheit:
Die Auswirkungen und Folgen solcher Eingriffe für unseren Planeten sind
ARdalpha
aber bisher wenig erforscht. Unklar ist auch, ob einzelne Maßnahmen
realisierbar sind.
Anzeigen von Risiko und Forschungsdesiderat:
Es gibt eine Reihe von Risiken und Unbekannten“, sagt Paul Bertsch,
Spektrum
stellvertretender Direktor der Land and Water Flagship (…).
„Wir müssen also dringend einen abgestimmten Forschungsplan entwickeln
und umsetzen, der sich genau damit auseinandersetzt.
Warum sind (Un)Gewissheits-markierungen wichtig, wann werden sie problematisch?
Nichtwissens- und Unsicherheitsäußerungen sind normale und wichtige Bestandteile von Wissenschaft und innerwissenschaftlicher Kommunikation. Sie sind Anlass für Diskussionen, für das Eingrenzen der Reichweite von Forschungsergebnissen und das Identifizieren von Forschungslücken. Da dies im wissenschaftlichen Diskurs essenziell ist, sollte auch bei der Kommunikation mit der Öffentlichkeit unsicheres Wissen, noch nicht verfügbares Wissen oder nur eingeschränkt geltendes Wissen als solches markiert werden. Wichtig ist: Die Darstellung von Nichtwissen und unsicherem Wissen sind dabei keine Anzeichen für Inkompetenz. Im Gegenteil: Sie signalisieren Kompetenz, wenn Wissenschaftler:innen korrekt und professionell mit Nichtwissen umgehen, also unsicheres Wissen identifizieren, einordnen und thematisieren, an eine Person, Forschungsgruppe, Disziplin oder die Gesellschaft binden und als solches deklarieren – sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch in der öffentlichen Kommunikation.
Es ist sinnvoll, den Grad der Gesichertheit von Wissen (vermuten vs. wissen, subjektive Beobachtung vs. empirisch belegt) oder Wahrscheinlichkeiten anzugeben (möglicherweise, wahrscheinlich, gesichert – vor allem in der Risikokommunikation relevant), obwohl Studien gezeigt haben, dass Leser:innen den Sicherheitsgrad trotzdem nicht zwangsläufig richtig interpretieren oder anders bewerten. Eine konsequente Unsicherheitskommunikation kann aber ganz wesentlich zu einer gesellschaftlich wichtigen scientific literacy beigetragen.
Prüffragen für die Textarbeit
- Sind wichtige Unsicherheiten als solche benannt? Werden der Typ und die Relevanz des ungewissen Wissens deutlich?
- Kann der Grad der (Un-)Gesichertheit von Wissen transparent gemacht werden?
- Ist sichergestellt, dass unsicheres Wissen nicht durch Verkürzung als sicheres Wissen präsentiert ist?
- Ist das Nichtwissen in zutreffender Weise an einen Träger (z. B. eine Person, ein Fachgebiet, eine Disziplin) gebunden?
- Können Lösungswege und/oder zeitliche Perspektiven zur Überwindung des Nichtwissens angegeben werden (z. B. Forschungsprojekte, Einrichtung von Forschungsgruppen, zukünftig erwartbare Ergebnisse) angegeben werden?
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